STADTKINO BASEL | KINEMATHEK | LANDKINO
Januar  Februar
STADTKINO| LANDKINO| PROGRAMMARCHIV| GÄSTE & EVENTS| KINEMATHEK| SERVICE| KONTAKT| ÜBER UNS
CARMEN MAURA
 

CON FURIA Y ALEGRÍA

Sie war die erste Muse Pedro Almodóvars und gilt längst als Ikone des zeitgenössischen spanischen Kinos. Seit vier Dekaden begeistert Carmen Maura mit ihren chaotisch-bodenständigen, vor Leben sprühenden Filmfiguren. Unabhängig, rassig, sexuell selbstbestimmt, verführerisch und verletzlich zugleich avancierte sie in den 80er-Jahren zum Paradebeispiel eines neuen Frauentyps der Post-Franco-Ära und legt bis heute ihre Rollen meist als anarchische Skizzen des weiblichen Geschlechts an. Ob als Psychologin (Matador), Transsexuelle (La ley del deseo), rüde Verlassene (Mujeres al borde de un ataque de nervios), lebensfrohe Bäuerin (Le bonheur est dans le pré) oder mütterlicher Geist (Volver) - stets lauert der Schalk hinter ihrem Spiel, bricht sich ihr Temperament zwischen Komik und Dramatik Bahn. «Sie ist schlicht und ergreifend ein Wunder!», schwärmte Álex de la Iglesia, für den sie als gejagte Immobilienmaklerin in der rasanten Thriller-Groteske La comunidad glänzte. Das Stadtkino Basel schliesst sich dem an und widmet der grossartigen Carmen Maura eine Hommage.

 

Sie könnte das: dem sprichwörtlichen Eskimo den sprichwörtlichen Kühlschrank verkaufen. Und dann würde sie dem Arktisbewohner obendrein noch einen Schwung Eiswürfel andrehen. Mit welchen der dann seine stark gestiegene Temperatur wieder auf den Normalpegel herunterregulieren könnte. Sie verfügt nämlich über ein ziemlich hitziges Temperament. Manchmal auch verfügt dieses hitzige Temperament über sie. In jedem Fall aber wirkt es ansteckend. Wenn sie auftritt - und meist geschieht dies entschlossenen, also eigentlich eher angriffslustigen Schrittes, und zwar ganz egal, wie hoch die Absätze sind -, verändert sich die energetische Zusammensetzung des Raums. Das klingt vielleicht etwas esoterisch, meint aber lediglich, dass mit ihrer Präsenz eine emotionale Offenheit und Unverstelltheit ins Spiel kommt, die rar ist, die auffällt und die in Erinnerung bleibt. Auf den Punkt gebracht hat es einmal einer folgendermassen: «Sie fordert den Zuschauer auf, genau hinzusehen. Nein, anders: Sie lässt nicht zu, dass er wegsieht.»
Und was die Zuschauer sehen, wenn sie das Spiel der vielfach preisgekrönten Schauspiel-Ikone Carmen Maura beobachten, ist nicht bloss die Person, die sie in einem Film darstellt, ist nicht bloss ein Charakter innerhalb einer Story, den sie mit ganzer Kraft und voller Überzeugung zu einem glaubwürdigen Menschen formt - was wir auch und vor allem sehen, wenn wir ihr zusehen, ist die Freude, die es ihr bereitet, das zu tun, was sie tut. Was wir also sehen, ist eine Vollblutschauspielerin, die ihre Berufung lebt, eine Frau, die in ihrer Arbeit «alegría» findet: Glück, Zufriedenheit, Erfüllung. Ein Mensch also, der am richtigen Ort zur richtigen Zeit mit der richtigen Aufgabe betraut ist. Dieser Eindruck von Stimmigkeit, von So-und-nicht-anders-möglich, von sozusagen naturgesetzlicher Gegebenheit überträgt sich im Übrigen immer auch auf ihre jeweilige Figur. Das gilt selbst dann, wenn diese auf der Flucht vor den gierigen Nachbarn in einem knackig sitzenden rosa Kostüm einen Koffer voll Geld über die Dächer Madrids zerrt und schliesslich am Huf eines Reiterstandbildes über einem Abgrund zappelt. Der Plot von Álex de la Iglesias La comunidad (2000) entwirft Mauras Figur Julia zwar als eine Art weiblicher Harold Lloyd, eine Stehauffrau in einer von Slapstick-Gewalt vorangetriebenen Horror-Groteske. Maura aber verleiht dieser Immobilienmaklerin, deren Traum von einem Leben ohne Geldsorgen endlich in greifbare Nähe gerückt und die für diesen Traum auch über Leichen zu gehen bereit ist, eine Bodenständigkeit, die der jederzeit zu explodieren drohende Film dringend braucht. Sie erdet das Chaos, sie hält den Zirkus zusammen, weil sie authentisch wirkt und glaubwürdig vermittelt, dass sie unschuldig in jene Turbulenzen hineingeraten ist, zu denen sie doch gleichzeitig nach Kräften beiträgt. Diese Leistung einer quasi realistischen Darstellung in fantastisch überzogenem Kontext brachte ihr 2000 den dritten von vier Goyas ein. Das spanische Äquivalent des Oscars erhielt Maura ausserdem 1989 für ihre energiegeladene Darbietung einer von ihrem verheirateten Liebhaber Verlassenen in Mujeres al borde de un ataque de nervios (Pedro Almodóvar); 1991 wurde sie für ihre plötzlich gewissensgeplagte Vaudeville-Sängerin/Tänzerin in Carlos Sauras unwahrscheinlichem Bürgerkriegsmusical ¡Ay, Carmela! ausgezeichnet und 2007 für ihre nichts weniger als idealtypische Verkörperung von «la madre» in Volver (wieder: Almodóvar).
Geboren wurde Carmen García Maura am 15. September 1945 im frankistischen Spanien in Madrid. Mit der Theaterschauspielerei begann sie während ihres Literatur- und Philosophiestudiums an der École des Beaux-Arts in Paris. Doch schon 1964 heiratete sie und bekam in rascher Folge zwei Kinder. Von ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter hatte sie jedoch bald genug, und bereits 1970 liess sie sich scheiden und kehrte zur Kunst zurück. Sie arbeitete als Leiterin einer Galerie, sang in Cabaret-Shows, spielte Nebenrollen in Fernsehserien, hatte kleine Auftritte in Spielfilmen. Die Mühen der Ebene eben, die mit dem Ende der Ära Franco 1975 endlich dem Aufstieg wichen. 1977 macht Maura in Fernando Colomos Komödie Tigres de papel als erste Kifferin auf Spaniens Leinwänden auf sich aufmerksam; fortan gilt sie als «chica progre» und als beispielhaft für den neuen Frauentyp der Post-Franco-Ära: unabhängig, selbstbewusst, sexuell selbstbestimmt, modern. Im Jahr darauf kollaboriert Maura erstmals mit einem jungen, aufstrebenden Filmemacher, einem der Protagonisten der «La Movida Madrileña» genannten kulturellen Aufbruchsbewegung, die in einen der zahlreichen Freiräume vorstösst, die der Tod des Diktators geöffnet hat. Der Film trägt den schönen Titel Folle, folle, fólleme, Tim (Fuck Me, Fuck Me, Fuck Me, Tim) und ist das auf Super-8 gedrehte Debüt von Pedro Almodóvar.
Carmen Maura und Pedro Almodóvar - «a match made in heaven», zumindest für eine Weile. In den 1980er-Jahren dreht Almodóvar mit Maura sechs weitere Filme: Pepi, Luci, Bom y otras chicas del montón (1980), Entre tinieblas (1983), ¿Qué he hecho yo para merecer esto? (1984), Matador (1986), La ley del deseo (1987) und schliesslich Mujeres al borde ... (1988), der in beider Karrieren den internationalen Durchbruch markiert. In der Arthouse-Szene erarbeitet sich Almodóvar mit diesen überdreht campigen Mischungen aus Melodram, Boulevardkomödie und Krimi-Einsprengseln einen überraschenden Ruf als «Frauen-Regisseur»; währenddessen wird Maura, seine Muse, zur ersten der «chicas Almodóvar», der sogenannten «Almodóvar-Mädels», zu denen sich im Laufe der Jahre unter anderem auch Victoria Abril, Rossy de Palma, Marisa Paredes und Penélope Cruz gesellen werden.
Almodóvar bezeichnete Maura einmal als «die ideale Verkörperung meiner Idee des Weiblichen» - die sich, lässt sich ergänzen, aufspannt zwischen Mauras mütterlich fürsorglicher Psychologin in Matador und Mauras mütterlich fürsorglicher Transsexueller in La ley del deseo, beide Charaktere gleichermassen mühelos elegant, von grosser sinnlicher Ausstrahlung und vor allem unbeirrbar in ihrem Streben. Man versteht zwar, was Almodóvar meint, wenn man Maura irrlichtern sieht zwischen Überschwang des Gefühls und nüchterner Analyse der Lage; ihrem enormen Talent und ihrer Vielgesichtigkeit wird dieses Pendeln zwischen den beiden Extremen einer Klischeevorstellung von Weiblichkeit - hysterisch egozentrische versus beherrscht altruistische Gefühlsäusserung - jedoch nicht gerecht. Denn sie lässt eben jenen Realitätssinn und jene Normalität vermissen, die Mauras Frauenfiguren ihren hohen Wiedererkennungswert und ihre grundsympathische Ausstrahlung verleihen (und die sie, Almodóvar zum Trotz, kontinuierlich in ihre Darstellungen einschmuggelt).
Maura ist eine geliebte Volksschauspielerin und als solche eine Institution, sie ist eine grosse Komödiantin und eine versierte Charakterdarstellerin, die für ihre Mühelosigkeit gerühmt wird; mal trägt sie dick auf und singt das Lob der Charge, dann wieder ist, was sie macht und wie sie spielt, kaum wahrzunehmen und geht doch unter die Haut und zu Herzen. Vor diesem Hintergrund lohnt es sich, sie in Étienne Chatiliez' charmantem Le Bonheur est dans le pré (1995) an der Seite von Michel Serrault zu beobachten. Oder in Lionel Baiers eigenwilligem La Vanité (2015) an jener von Patrick Lapp. Zwei Tragikomödien, die zugleich Selbstfindungsodysseen sind und in denen Mauras wohltuend geerdete Frauenfiguren den Männern gerne dabei behilflich sind, die verlorene Orientierung wiederzufinden. Und etwas Alegría.

 

Alexandra Seitz

 
25 DEGRéS EN HIVER
 
SO  21.1.2018 18:15
 
LA COMUNIDAD
 
SA  20.1.2018 20:00
DO  25.1.2018 18:30
 
LA LEY DEL DESEO
 
FR  26.1.2018 21:00
 
LA VANITé
 
MI  24.1.2018 21:00
SA  27.1.2018 22:15
 
LE BONHEUR EST DANS LE PRé
 
MATADOR
 
SA  20.1.2018 22:15
 
MUJERES AL BORDE DE UN ATAQUE DE NERVIOS
 
SA  27.1.2018 17:30
 
PEPI, LUCI, BOM Y OTRAS CHICAS DEL MONTóN
 
VOLVER
 
FR  26.1.2018 15:45
MI  31.1.2018 18:30
 
¡AY, CARMELA!
 
SO  28.1.2018 17:45
schliessen