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ANDRZEJ WAJDAS NACHBILDER
 

Er war Chronist seines Landes, moralische Instanz und hoffnungsvoller Romantiker. Sein Werk: ein Panorama der Geschichte Polens. Seine Filme: ein Manifest für die Unbeugsamkeit des Individuums. Freiheitskämpfe im 19. Jahrhundert, Widerstand im Zweiten Weltkrieg, Auflehnung gegen den Kommunismus: Fast immer griff Andrzej Wajda zu den grossen historischen Stoffen seines Landes und wusste sie auf einzigartige Weise in bewegte Bilder zu übersetzen. Bei den kommunistischen Machthabern der 1950er-Jahre eckte er damit genauso an wie bei der aktuellen rechtskonservativen Regierungspartei - bis zuletzt erhob er seine mahnende Stimme. Das Stadtkino Basel widmet dem 2016 verstorbenen Altmeister des polnischen Kinos eine Hommage. Der Regisseur Dominik Graf und der Filmkritiker Olaf Möller haben eine persönliche Auswahl von Filmen aus dem umfangreichen Gesamtwerk Wajdas zusammengestellt, in der Meilensteine des Weltkinos wie Asche und Diamant, Landschaft nach der Schlacht oder Der Mann aus Marmor ebenso ihren Platz finden wie selten gezeigte, intimere Filme und Experimente, wie Die Mädchen von Wilko oder Pilatus und andere. Ein Film zum Karfreitag. Am 18. und 19. Januar sind die beiden Kuratoren im Stadtkino zu Gast und teilen in Einführungen und Filmgesprächen ihre Verehrung für den grossen Meister.

 

Zwischen uns liegen zwar fast zwei Dekaden Lebenszeit, dennoch fanden wir zu Andrzej Wajda auf der gleichen cinephilen Route: via die Nebenstrassen, Wirtschaftswege und Sackgassen seines Œuvres. Die Suche führte über elegisch-schwärmerische Beziehungsstudien wie Die unschuldigen Zauberer (1960) oder Die Mädchen von Wilko (1979); weiter über Versuche zum Leben als Künstler (im weitesten Sinne) wie etwa Alles zu verkaufen (1968) - Wajdas Reaktion auf den Unfalltod von Polens Nouvelle-Vague-Ikone Zbigniew Cybulski - oder Ohne Betäubung (1978), das fiktionalisierte Portrait des weitgereisten Journalisten Ryszard Kapu?ci?ski; bis hin zu einem symbolschweren, dabei irre haptischen Experiment wie Pilatus und andere. Ein Film zum Karfreitag (1972), einer sehr persönlichen Interpretation von Bulgakovs «Der Meister und Margarita». Bei Wajdas aus Spiel- und Dokumentarteilen gebauten Hommage an den verstorbenen Kameramann Edward K?osi?ski, Der Kalmus (2009), brannten wir beide lichterloh: Hier fand das alles zusammen, in einer Form so gelassen komplex wie schlicht sinnfällig und schön. Bei der ersten Szene von Nachbilder (2016) schliesslich fiel uns nur noch überwältigt ein, was für ein absurdes Mysterium der Tod ist, lässt doch die Kraft darin, die fast frivole Lebensliebe, einen nicht ahnen, dass ein Sterbender dies gestaltete - die Frische in den Bildern gehört der Jugend, die Souveränität der Regie einem erfahrenen Auteur in seinen 40ern oder 50ern. Mit fast 90 Jahren macht man so was eigentlich nicht mehr - nein, man kann so was gar nicht mehr machen, rein körperlich. Was für eine Energie muss dieser Mann gehabt haben, und was für eine Autorität, der sich seine Mitarbeiter offenbar gerne anvertrauten!
Ein Mensch zudem mit einem Jahrhundertleben: Geboren 1926 in eine bürgerliche Familie (Mutter Lehrerin, Vater Unteroffizier); während der nazideutschen Besatzung Polens mit der polnischen Heimatarmee im Widerstand - worauf er sein Künstlerleben lang zurückkommen sollte - ; hat in stalinistischen Zeiten an der Höheren Filmschule in Lodz das Regiehandwerk gelernt, mit Eine Generation (1955) seinen Abschluss gemacht; wurde mit Asche und Diamant (1958) weltberühmt; schaffte es in den folgenden 58 Jahren, unter politisch dauernd widrigen Umständen, egal ob im volkspolnischen Staatskommunismus oder im Neoliberalismus nach 1989 eine Karriere zwischen Systemnähe und -distanz, Heimat und Fremde am Laufen zu halten; wurde so zu etwas Rarem: einem vertrauenswürdigen Intellektuellen, dessen Gedanken und Einsichten im öffentlichen Diskurs Beachtung fanden.
Fasziniert waren wir von Wajda gleich bei den ersten Begegnungen: Asche und Diamant war da sicher bei, auch Landschaft nach der Schlacht (1970), ein verstörend-metaphernmächtiger Film zum Themenkomplex Konzentrationslager und Erinnerung, ebenso Der Mann aus Marmor (1976), einer der wenigen Filme über das Filmemachen, der ethisch wie politisch zählt ob der Art, wie er Individuum und Kollektiv, Regisseur und Publikum, aber auch die prekäre Schönheit von Mythen und die nur allzu oft wenig erbauliche Faktenwelt dahinter zueinander in Beziehung erzählt. Was uns beide ganz unmittelbar anzog und bis heute begeistert, ist einerseits die Muskulosität, das Sehnig-Behände seines Kinos, andererseits Wajdas Sinn für Umgangsformen, Kultiviertheit, Feingeistigkeit. Später wurde für uns ausserdem immer wichtiger, dass Wajdas Gesamtwerk voller Abweichungen ist. Nur ein vergleichsweise überschaubarer Anteil seines Schaffens passt zu dem Klischee vom nationalromantischen Epiker des polnischen Schicksals, mit dem man spätestens seit Asche und Diamant seine Kunst auf eine leicht verwendbare Formel zu reduzieren suchte. Sicher, Wajda arbeitete sich an gewissen Ideen- und Motivkreisen regelrecht besessen ab, allen voran eben die Geschichte des eigenen Landes und deren literarische Ausgestaltung (bis auf Henryk Sienkiewicz hat er jeden kanonisierten Schriftsteller des 19. und 20. Jahrhundert adaptiert - und im Hintergrund von Alles zu verkaufen kommt selbst der vor!); dem widerspricht jedoch nicht, dass Wajda dauernd damit beschäftigt schien, sowohl der eigenen Routine (und wie schnell wird man doch zum Nationaldichter ...) als auch den äusseren Ansprüchen an seine Kunst zu entkommen - ganz zu schweigen von der Pflege dieser oder jener Grille (wer hat z.B. Wajdas Japanophilie auf dem Schirm?). So, und nur so, in diesem Spannungsfeld zwischen gewissen selbstdefinierten Konstanten und dem dauernden Aufbruch ins Unbekannte schaffen wahre Meister.
Das oben schon erwähnte Klischee vom Poet Laureate aber nervte uns: Dieses salbungsvolle Geraune der Gutkritik in den 1970ern und ’80ern, die dauernd das Gewaltige in seinem Schaffen umarmte, das Ewige pries und in allem irgendetwas wahnsinnig Politisches (was natürlich subversiv zu sein hatte!) sehen wollte. Wir hätten uns die Freude an Wajda nicht nehmen lassen sollen. Haben wir aber eine Zeitlang - auch wenns dauernd an uns nagte.
Und dann kam wieder einmal eine dieser Phasen, die so typisch sind für Wajdas Karriere: Es wurde still um ihn - er machte zwar Filme, aber es schien niemanden ausserhalb Polens zu interessieren. Genau in solchen Leerstellen machten wir uns auf den Weg.
Das grösste Loch sind sicherlich die 1990er und frühen 2000er, eine der vertrackt-komplexesten Perioden in Wajdas Karriere wie auch der modernen polnischen Geschichte: Mit dem alten System wurde brutal abgerechnet, wie das neue aussehen sollte, war allerdings nicht ganz so klar. Obwohl Wajda in jenen Jahren auf dem heimischen Markt beachtliche Erfolge feierte mit zwei Klassikeradaptionen: Pan Tadeusz (1999) und Die Rache (2002), wurde sein Schaffen im Ausland quasi komplett ignoriert; weshalb einige seiner aufregendsten wie produktiv frustrierendsten Filme quasi unsichtbar waren und es leider auch bleiben, allen voran seine anti-staatskommunistische Asche und Diamant-Revision Der Ring mit dem gekrönten Adler (1992), aber auch die Dostojevskij-Dekonstruktion im Gewand eines modernistischen Kabuki-Kammerspiels, Nastazja (1994).
Unsere Auswahl geht in vieler Hinsicht d'accord mit Wajdas Selbsteinschätzung, so wie diese sich in einer 2016 erschienenen, von ihm editorisch mitbetreuten Edel-DVD-Box darstellt - bis auf eben die beiden letztgenannten, als Filmkopien unauffindbaren Titel, die wir gerne gezeigt hätten, (die möge man sich bitte in den dunkleren Kanälen des Netzes suchen und daheim schauen ...), sowie ausgerechnet sein erster Farbfilm, Lotna (1959), in dem er eine polnische Geschichte des 2. Weltkrieges en miniature anhand des Lebens eines Kavalleriepferdes entwickelt. Dass Wajda Letzteren nicht in seine Auswahl aufnahm, kann nur einen Grund haben: Es war ein Herzensprojekt, er war aber nie ganz glücklich mit dem Endergebnis und wollte den Stoff bis zum Ende seines Lebens ein zweites Mal angehen. Für uns hingegen ist Lotna eines der ganz zentralen Werke Wajdas: dasjenige, in dem sich die Frage von Einzelschicksal und Nation am rauschhaft-heillosesten stellt, speziell wenn man ihn im Zusammenspiel mit Das Massaker von Katyn (2007) schaut: als Meditation über den Verlust des im Sonderlager Starobelsk ermordeten Vaters, dessen Leben und Sterben gleichgesetzt wird mit Polens Verlust von Freiheit und Unabhängigkeit (Katyn und Starobelsk ereigneten sich zur gleichen Zeit; doch während Ersteres bald bekannt wurde, kam Letzteres erst in den 1990ern ans Tageslicht).
Generell schätzen wir die intimeren Filme mehr, auch wenn wir nicht verleugnen wollen, dass seine Epen verdammt beeindruckend sind: Wajda wusste, wie man Massen choreographiert, Geschichten mit einem gewaltigen Personenarsenal unter Kontrolle behält, einen Erzählrhythmus über mehrere Stunden entwickelt etc. Dennoch! Wie er zwischenmenschliche Verhältnisse mal zartfühlend wie in Die Mädchen von Wilko, mal robust am Rande zur Selbstzerfleischung wie in Ohne Betäubung zeigt: Das macht uns zutiefst glücklich. Es sind denn auch die Liebesgeschichten z.B. in Asche und Diamant oder Landschaft nach der Schlacht, welche uns nachhängen, oder einzelne Momente, etwa in Asche und Diamant, als Macieks Desiderata Krystyna jenes Gedicht von Cyprian Kamil Norwid liest, dem der Film seinen Titel verdankt, oder in Die Mädchen von Wilko, wenn die Liebenden sich über Literatur unterhalten. Wajda wusste, wie fein die Linie zwischen Zivilisation und Barbarei ist und wie sehr sich manche von uns, gerade in der Liebe, auch nach Schmerzen verzehren. Ähnlich erwachsenes Risikogedankengut findet man selten in der Kunst.

 

Olaf Möller

 
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