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ORSON WELLES
 

HERE THEY ARE, ORSON WELLES!

«Here they are, Orson Welles!» So wurde Welles 1975 empfangen als er vom American Film Institute 1975 für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde. Heute, über zwanzig Jahre nach seinem Tod, ist es noch schwieriger sich Orson Welles als eine Person vorzustellen. So umfangreich ist sein künstlerisches Schaffen als Film- und Theaterregisseur und Schauspieler, so gigantisch die Mythomanie um seine Person. Welles schuf nicht nur dreizehn Filme als Regisseur sondern er hinterliess auch zahlreiche nie verwirklichte Drehbücher, arbeitete als Schauspieler in Filmen anderer, inszenierte am Theater, experimentierte mit dem Fernsehen und produzierte Hörspiele. Das Stadtkino Basel zeigt seine berühmten Arbeiten, vom unverwüstlichen Klassiker Citizen Kane, über die Shakespear-Stoffe Macbeth und The Tragedy of Othello: The Moor of Venice bis zu seinem Essayfilm F for Fake. Als besonderes Highlight zeigen wir die Rarität The Immortal Story aus Welles Spätwerk.

 

2012 ist es wieder soweit: Zum siebten Mal wird «Sight & Sound» hunderte Filmkritiker und -historiker, Programmgestalter und Regisseure anschreiben und um ihre Liste der zehn besten Filme aller Zeiten und Völker bitten. Und jeder, der an diesem Versuch in cinephiler Demoskopie teilnehmen wird, hat sicherlich einen ganz bestimmten Titel im Kopf, sei's als Axiom oder als Anathema: Citizen Kane (1941) von Orson Welles, der seit nunmehr fünfzig Jahren an der Spitze dieser Liste steht (nur beim ersten Durchgang 1952 schaffte er es noch nicht einmal unter die Top Ten). Warum?
Weil Citizen Kane ein Meisterwerk ist, an dessen Qualitäten nichts zu rütteln ist, realisiert von einem auteur, dessen Genie man vor lauter Geschichten kaum mehr sieht. Und weil Cinephile Märtyrer und Gescheiterte lieben - siehe die Kulte um Erich von Stroheim oder Andrej Tarkovskij –, ihre Kunst merkwürdig gern als beständig im Aufbruch begreifen, als pures Potential, dabei aber auch als Opfer von Umständen, die sie daran hindern, sich in ihrer ganzen Gewaltigkeit zu entfalten. Es ist immer einfacher davon zu träumen, was hätte sein können und immer noch sein könnte, als mit dem zu leben wie arbeiten, was man hat und ist.
Citizen Kane, seine Entstehungs- wie Rezeptionsgeschichte, enthält alles, was es für einen zünftigen Kinomythos braucht: Welles war gerade mal 26 Jahre, als er sein Debüt realisierte – doch da schon eine US-weite Legende dank seiner Bühnen- und Radioarbeiten. Als ziemlich offensichtliche Allegorie auf den Medientycoon William Randolph Hearst, dem allerdings noch Züge von u.a. Howard Hughes und Joseph Pulitzer wie auch Welles selbst beigefügt wurden, wurde Citizen Kane von Teilen der Klatschpresse kampagnengleich angefeindet. Die etablierte Filmkritik wiederum reagierte auf den Film weitestgehend wohlwollend, von den neun Oscar-Nominierungen ganz zu schweigen. Ein filmhistorisch nicht gerade seltener Vorgang, man nennt das wohl umstritten. Wäre Citizen Kane allein ein solches «Corps célèbre» gewesen, dann würde man ihn heute als ein Meisterwerk unter vielen erinnern.
Aber dann: The Magnificient Amberson (1942) – das zerstörte Monument, partiell parallel dazu: It's All True (1941), der abgebrochene Dokumentarspiel-Omnibus, dessen vollendete Segmente erst 1993 zu einem kuriosen Hybrid aus filmhistorischer Recherche und Rekonstruktion verarbeitet wurden. Und schliesslich: Journey into Fear (1943), inszeniert von Welles-Intimus/Teilzeitadlatus Norman Foster, mit allerhand uncreditierten Beistand des Meisters. Hier sind sie alle, die Komponenten des Welles-Mythos: Die Ruine, das Chaos, die Kreativität, die keinen Fokus zu finden scheint.
Welles, fabulierte lange Zeit die gängige cinephilen Mythologie vor sich hin, habe nach Citizen Kane panische Angst davor gehabt, einen Film zu vollenden, und alles dafür getan, selbst den fertiggestellten Werken etwas Unvollkommenes zu verleihen. Macbeth (1948) drehte er unter so jämmerlichen Umständen, schnell und billig, dass der Film wie von selbst etwas Fragmentarisches erlangte: Shakespeare als eine Art B-Wikinger-Kracher, gestaltet von einem, der den Stoff offensichtlich sehr genau kannte. Dennoch spürt man, dass der Film ungleich facettenreich-intelligenter hätte werden können, als es ihm auf Grund der Umstände möglich war. Nach einem wenig erfolgreichen Start wurde der Film zurückgezogen, um rund 20 Minten gekürzt, zum Teil neu vertont, und so wieder in die Kinos gebracht, was die Kritik auch nicht glücklicher machte (Leute wie Jean Cocteau hingegen wussten auch den halsbrecherischen Charme dieser Fassung zu schätzen); in den 70ern wurde dann die Erstfassung des Werks rekonstruiert. Othello (1952) entstand in mehrjähriger Stückarbeit, was angesichts des ungeheuer präzisen Baus wie darstellerischen Gleichmass' kaum möglich scheint. Von Mr. Arkadin (1955) gibt es fünf Fassungen, von denen man weiss, dass keine Welles' ursprünglichen Vorstellungen zur Gänze entsprechen soll – allein an der Ordnung dieses Variantenkonvolutes beissen sich seit Dekaden diverse Wellesianer die Zähne aus. Der spät-grimmige Noir-Meilenstein Touch of Evil (1958) ward wider Welles' Willen von der Produktionsfirma radikal gekürzt und umgeschnitten; erst 1998 brachte man ihn wieder in eine Form, die seinen Absichten relativ nahe kommen soll. Und dann war da noch Don Quichote, begonnen 1955, niemals vollendet, sowie The Other Side of the Wind (1970–), an dem Welles bis zu seinem Tod gearbeitet hat.
Variantenlabyrinthe. Kämpfe mit den Produktionswindmühlen und ein Heischen nach jeder sich bietenden Gelegenheit, etwas zu machen. Scherbenhaufen, verlorene Leben.
Dabei übersieht man gerne, dass Welles sehr wohl Projekte in seinem Sinne vollenden konnte, neben Citizen Kane u.a.: seine weniger beklemmend- als irritierend schillernde Kafka-Variation The Trial (1958); die heillos traurige Shakespeare-Schwärmerei Chimes at Midnight (1966); die weltweise, als Fernsehspiel realisierte Blixen-Adaption Une histoire immortelle (1968); oder das hintersinnig-sardonisch-cinemetaphysische Vexierbild F for Fake (1975), für das er u.a. Material von François Reichenbach verarbeitet. Dito übersieht man, dass die Kinofilme nur einen Bruchteil seines Schaffens ausmachen: Welles war sein Leben lang als Schauspieler und Sprecher im Kino wie im Fernsehen wie im Radio und immer wieder auch auf der Bühne aktiv, ua., um Kapital für seine Projekte zu generieren, aber eben auch, weil das alles seine Medien waren, Elemente einer Kunst, bei der alle einander durchdringen sollten und taten (vom Kino und vom Radio kann man das mit einer gewissen Sicherheit sagen). Zudem inszenierte Welles eine erkleckliche Menge an kleineren und grösseren, gestalterisch oft überraschend einfallsreichen, Arbeiten für das Fernsehen, sowohl Serie wie Around the World with Orson Welles (1955) oder Nella terra di Don Chisciotte (1961) als auch TV-Spiele wie The Fountain of Youth (1956). Wie man am Titel der erstgenannten Serie sieht: Welles war ein Name, der zog – darauf konnte er sich bis in die 70er hinein verlassen, als er immer noch erstaunliche Gagen für Kurzauftritte oder Synchronarbeiten verlangen und einstreichen konnte. Warum? – weil Welles eben Welles war – ein Mann, der die Menschen zum Staunen brachte, ihnen Dinge zeigte, Länder und Zusammenhänge, die sie nicht kannten oder so noch nie gesehen hatten …
Welles Schaffen hat, bei genauerer Betrachtung, eine ganz extreme, zutiefst bewunderungswürdige künstlerische Konsistenz: Das ist eine in sich geschlossene, ganz harmonische Bewegung, die von Citizen Kane zu F for Fake führt. Der junge Mann dachte darüber nach, wie viel Falsches das Wahre ertragen kann, bis es zur Lüge zerfällt; der alte Herr ging die letztlich selbe Frage von der anderen Seite an, nämlich: Wie viel Wahrheit steckt in der Fälschung?
Welles wusste, dass es eine Wirklichkeit nicht gibt – nur Verhältnisse, die wir gestalten, hoffentlich in Schönheit. Selten war politisch progressives Denken derartig verführerisch, komplex, anregend, eigensinnig, populär doch niemals populistisch, überzeugend doch niemals agitatorisch, erfindungsreich, erotisch, erstaunlich zart, oft wie hingeschmissen allen Gestaltungsfuror zum Trotz, menschenfreundlich und aufklärerisch. Freundlich, im Brecht'schen Sinne.
Wie gross Welles wirklich war, zeigen am Besten vielleicht die Werkstücke aus seinem Nachlass: Preziosen, geschaffen oft mit nahezu Nichts, ein Stück Raum und ein wenig Licht, in denen er etwas vorliest oder rezitiert, Kunststücke vor- und Sketche aufführt, letzteres auch schon mal mit sich selbst in mehreren Rollen. Was man da sieht, ist die nicht unterzukriegende Freude eines Menschen am Spiel, an der Darstellung, einer Deutung der Dinge – Welles wollte etwas vom Leben, und daran lässt er den Zuschauer teilhaben. Mehr kann man vom Kino nicht verlangen.
Olaf Möller

 
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